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Studierende berichten

von Sabrina Rosenzweig, Studentin der Sinologie

Die Zeit vor China

Schon vor Beginn des Sinologie-Studiums wusste ich, dass ich unbedingt das China-Jahr nach dem vierten Semester machen wollte. Ab dem ersten Semester war mir klar, im Herbst 2016 wollte ich für ein Jahr meine gewohnte Umgebung verlassen und etwas völlig neuem eine Chance geben – ein Jahr Studium in der VR China!

Meine Vorbereitung dafür begann zuallererst mit einem Thema, das nicht umgangen werden konnte, das aber essentiell für den Aufenthalt sein würde: die Finanzierung meiner Uni, meiner Wohnung und meines gesamten alltäglichen Lebens im Ausland. Nachdem wir durch entsprechende Informationsveranstaltungen am Lehrstuhl hinreichend über mögliche Stipendien aufgeklärt worden waren, stand für mich fest, dass ich mich beim DAAD, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, bewerben wollte. Wichtig für diese Bewerbung ist die Entscheidung, an welche Uni man eigentlich gehen möchte. Für mich waren eine gewisse kulturelle und geschichtliche Bedeutung „meiner“ Stadt wichtig, eine gewisse Nähe zur Ostküste und Modernität waren ebenfalls das, was ich mir vorstellte. Nach kurzem Überlegen kam mir die meiner Meinung nach ideale Stadt für mich in den Sinn: Nanjing! Der Einfachkeit halber und da die Uni auch einen gewissen Status innehat und durch die Regierung gut gefördert wird, wurde es die größte Uni in Nanjing: die Nanjing University, auch Nanjing Daxue (Nanda).

Schließlich waren nach einiger Arbeit in den Semesterferien zwischen dem zweiten und dritten Semester alle Bewerbungsunterlagen zufriedenstellend eingereicht, und es begann das große Hoffen auf einen Stipendienplatz. Letztendlich wurde es eine Empfehlung des DAAD an den CSC, den Chinese Scholarship Council, der mir freundlicherweise ein in jedem Fall ausreichendes Stipendium zur Verfügung stellte. Die Finanzierung war also geklärt, und auch wenn diese Gedanken am Anfang eher abschreckend wirken, so sind sie meiner Meinung nach doch der erste Schritt für die Planung eines China-Jahrs!

Wichtig für die Planung vor der Abreise waren natürlich noch die rechtzeitige Beantragung des Visums, das konnte jedoch erst geschehen, nachdem die Uni in China die entsprechenden Aufnahme-Unterlagen verschickt hatte, und das geschieht in den meisten Fällen eher später als früher. Tatsächlich hatte ich erst Mitte Juli alle endgültigen Unterlagen, die mir meinen sicheren Aufenthalt in Nanjing bestätigten.

Die erste Zeit in China

Am 24.8.2016 war es dann soweit, meine Reise startete von Nürnberg und Frankfurt nach Peking und letztendlich kam ich im brütend heißen Nanjing an. Vom Flughafen ging es dann erst mal in ein Hostel in der Innenstadt, in dem ich meine ersten Tage eher wie ein Tourist verbrachte. Anfang September zog ich dann an den Gulou-Campus (der Campus in der Innenstadt, definitiv die angenehmere Option für einen Studenten) der Nanda um, und bekam ein Zwei-Bett-Zimmer zugeteilt. Mit meiner Zimmerkollegin aus den USA verstand ich mich von Anfang an sehr gut, leider zog sie nach einem Monat aber in eine eigene Wohnung um. Danach hatte ich das Zimmer für das restliche Jahr für mich selbst. Anfang September begannen auch die Sprachkurse, die im Lehrgebäude direkt neben dem Studentenwohnheim gehalten wurde  n. Anders als an anderen Universitäten erfolgte die Einstufung eher schnell und ohne einen verpflichtenden Test, was mir zu diesem Zeitpunkt auch sehr recht war. Schnell gelangten wir alle in eine Routine, Sprachkurse von acht bis zwölf Uhr, danach ging es meist in die sehr leckere und preiswerte Kantine auf dem Campus. Nach dem Essen und Austausch über alles Mögliche war nachmittags dann oft Vokabeln lernen und Lehrinhalte wiederholen angesagt, denn nicht selten gab es am nächsten Tag ein tingxie (also ein Vokabeldiktat), auf das man sich vorbereiten musste. Der Unialltag bestand also aus meinen drei Kursen, nämlich einem Comprehensive-Kurs (zonghe), dem Mündlichen Sprachkurs (kouyu) und dem Hörverstehen-Kurs (tingli); im zweiten Semester kam noch ein Zeitungslesungs-Kurs (baokan) hinzu. Gerade im ersten Semester war meine Lernbereitschaft hoch, denn natürlich möchte man immer mehr verstehen, selbst sprechen und lesen können, wenn man sich in einem chinesisch-sprachigen Land befindet. Schnell zeigten sich auch erste Erfolge in der Alltagssprache und auch mein Hörverstehen wurde viel besser. Ich hatte mich schnell mit meinem neuen Alltag und den neuen Gegebenheiten arrangiert, nur der tägliche Start der Kurse ab acht Uhr fand in mir keinen großen  Fan. 🙂

Nanjing als meine Stadt für ein Jahr

Nanjing war meine Wunschstadt gewesen, und ich wurde von ihr nicht enttäuscht. Mit einer Mischung als kulturellen Schätzen (wie z.B. dem Sun yat-sen- Mausoleum) und einer hohen Modernität in der Innenstadt (z.B. das Stadtviertel Xinjiekou), konnte ich je nach Lust und Laune zwischen verschiedenen Orten pendeln. Nach den ersten Wochen wurde z.B. auch schnell klar, wo es wann das beste Mittagessen gab, welcher sonst teure Laden an welchen Wochentagen vergünstigte Preise anbot und so weiter. Natürlich wurden neu entdeckte Geheimtipps unter den Studenten schnell weitergetragen und jeder war stolz, wenn er ein neues „Geheimnis“ entdeckt hatte. Der Nanda-Campus ist schön grün gestaltet, es gibt viele Bäume und einen großen Sportplatz, der am Abend Anlaufstelle für viele Chinesen und auch Ausländern wird, um dort zu joggen, Fuß- und Basketball zu spielen.  Einige Kommilitonen nutzen auch das Fitnessstudio neben dem Sportplatz, zudem sollte es eigentlich einen Swimmingpool geben, der aber nicht zugänglich war während meinem Jahr.

An den Wochenenden ging es ab und zu mit dem Zug in eine andere Stadt, gerade im zweiten Semester nutzte ich diese Chance, um nochmal etwas mehr von der Provinz Jiangsu und ihrem Umland zu sehen. Da der Schnellzug  (gaotie) in China vergleichsweise günstig ist, sollte man die Chance, die umliegenden/ naheliegenden Städte wie z.B. Wuxi und Suzhou zu besuchen, meiner Meinung nach auf jeden Fall wahrnehmen. Natürlich darf auch ein Besuch in der Megacity Shanghai nicht fehlen, in der man nach circa 1,5 Std Fahrt mit dem gaotie ankommt.

Neben den wunderbaren Freizeitaktivitäten muss auch erwähnt werden, dass das Studium nicht auf die leichte Schulter genommen werden durfte, denn regelmäßig fanden Leistungskontrollen statt. Wir hatten auch Hausaufgaben zu erledigen, die dann in der nachfolgenden Stunde besprochen wurden. Da die mündliche Leistung bzw. der Einsatz im Unterricht ebenfalls Bestandteil der Note im Zeugnis war, sollte man die richtige Mischung aus Lernen und Freizeit finden. In jedem Semester gibt es Mittel- und Abschlusstests, die den Hauptteil der Note ausmachten. Zusammen mit den Hausaufgaben, der Unterrichtsbeteiligung und den vorhin erwähnten Diktaten wurde dann am Ende jedes Semesters eine Punktzahl ermittelt (maximal 100 mögliche Punkte in jedem Fach) und ein Zertifikat erstellt. Die Nanda bietet auch zahlreiche Zusatzkurse (z.B. Wirtschaftschinesisch) an, die bei regelmäßiger Teilnahme ebenfalls bewertet im Zertifikat erscheinen.

Abschied von Nanjing

Nachdem ich meine zwei Semester an der Nanda verbracht hatte, wurde es langsam Zeit die letzte China-Phase zu planen und über das Datum der Heimreise nachzudenken. Obwohl ich meine Familie und Freunde sehr vermisst hatte, war es mir wichtig, nicht direkt vom Klassenzimmer in den Flieger nach Deutschland zu steigen. Zu groß war der Wunsch, mehr von diesem wunderbaren Land zu sehen, und nun war auch die beste Zeit dafür gekommen, denn ich hatte ja Zeit! Zusammen mit einem Kommilitonen aus Erlangen ging es an die Planung der Reiseroute. Letztendlich stand sie fest: Nanjing – Xiamen – Hongkong – Shenzhen – Guangzhou – Kunming – Yuanyang. Wir waren unglaublich glücklich und dankbar diese Reise noch gemacht zu haben, denn sie hatte uns teilweise zu den schönsten Orten geführt, die wir bis dahin gesehen hatten.

Falls ihr detailliertere Informationen über die Nanjing University braucht, besucht am besten die Webseite der Uni!

Aufführung von „Liang Zhu“ und Sanjuban in Frankfurt

von Max Kruse

Am 11. Juni 2017 kam die Theatergruppe „Sonnenstrahl“ der Erlanger Sinologie der Einladung des Frankfurter Konfuzius Instituts nach, zusammen in Frankfurt mit der dortigen Theatergruppe eine Aufführung zu geben.

Nach einer kleinen sonntagmorgendlichen Bahnreise, die sich für manch einen noch anfühlte wie mitten in der Nacht, wurden die Sonnenstrahlen in Frankfurt herzlich empfangen und hatten noch Zeit, sich auf die Gegebenheiten vor Ort einzustellen. Auf dem Vorführungsprogramm standen drei Stücke, zwei kürzere von der Erlanger Truppe und eine etwas längere von den Frankfurtern. Den Anfang machten die Erlanger mit ihrer Sanjuban-Aufführung. Wie fast jedes Mal gab es auch bei dieser Vorführung wieder einen Wechsel in der Besetzung, doch die Darsteller konnten sich noch aneinander erinnern – sie hatten in genau dieser Aufstellung bereits die allerersten Auftritte gemeistert. Mit einem etwas an den diesmaligen Auftritt angepassten Text wurde das Stück gut aufgenommen und mit Beifall bedacht.

Nun war es an den Frankfurtern, ihr schauspielerisches Können unter Beweis zu stellen. Diese Aufgabe meisterten die Gastgeber mit Bravour: Das Stück stellte Szenen aus dem echten Leben Chinas in vielen Farben und mit gekonnt geführten Schauspielerpinselstrichen dar; Beziehungsdrama, Liebe, Witz und Emotion inklusive. Die Erlanger Schauspieler zogen derweil imaginär ihre Hüte, allein schon vor der Länge der auswendig gelernten Sprechertexte, die beinahe schon für eine Beamtenprüfung im alten China gereicht hätte.

Zuguterletzt bildete die Vorführung des Liebesdramas „Liang Zhu“ den Abschluss. Die – in diesem Fall – schon eingespielte Truppe konnte eine sehr überzeugende Aufführung abliefern und einen recht guten Eindruck von Chinas „Romeo und Julia“ bieten. Nachdem dann alle vor Liebesschmerz und Kummer gestorbenen Schauspieler wieder auf den Beinen waren, ging es zum gemütlichen Teil der Veranstaltung über: Gemeinsam wurde anschließend von beiden Gruppen authentischer chinesischer Feuertopf verspeist und auf die vergangene und auch mögliche zukünftige gemeinsame Aktivitäten angestoßen.

Die Erlanger Sonnenstrahlen bedanken sich beim Frankfurter Konfuzius-Institut und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen!

von Alexander Moldovan

Am 21. Mai fand der deutsche Vorentscheid zum 15. Chinese Bridge Wettbewerb in Heidelberg statt. Insgesamt präsentierten 16 Teilnehmer einen 3-minütigen Kurzvortrag zum Thema „Mein chinesischer Traum“ 《我的中国梦》, beantworteten Fragen zu Sprache, Kultur und nationaler Situation und zeigten eine künstlerische Darbietung. Für die Gewinner winkten folgende Preise: Zwei dritte Preise gewährten einjährige Sprachstipendien, ein zweiter Platz die Teilnahme als Zuschauer am Finalwettbewerb in China und drei erste Plätze die Teilnahme als Kandidaten an demselben. Aus Erlangen traten Leonie Sterzel und ich an.

Auf die Empfehlung eines Dozenten hatte ich mich Ende Januar zur Teilnahme entschlossen. Ende Februar begann die Vorbereitung mit dem Schreiben des Vortrags. Während meines Auslandsjahres in Xi’an hatte ich bereits einmal viel Zeit in das Ausklügeln einer Rede für einen Vortragswettbewerb investiert. Damals stießen Vorträge über Schwierigkeiten im Umgang mit Stäbchen und das stakkatohafte Aufzählen chinesischer Gerichte auf beste Resonanz. Diesmal setzte ich deswegen ebenfalls auf die Liebe der Chinesen zu ihrem Essen und schrieb über meine Lieblingsspeise Yangrou paomo 羊肉泡馍 (Brotsuppe mit Lammfleisch) und Biángbiáng Nudeln, ein Gericht, das eines der schwierigsten chinesischen Schriftzeichen im Namen trägt.

Am schwierigsten stellte sich während der Vorbereitung die Korrektur der Aussprache bestimmter Wörter dar. Sobald ich mich auf die richtigen Töne konzentrierte, vergaß ich meinen Text. Deswegen tauschten wir viele Textstellen durch für mich einfacher auszusprechende aus. Ich studierte begleitende Handbewegungen ein, um der Rede mehr Lebendigkeit und Ausdruck zu verleihen – und um von monotoner Stimmlage und Gesichtsausdruck abzulenken. Daneben lernte ich die etwa 250 Fragen (vereinzelt absurde wie „nennen Sie die drei größten chinesischen Erdölunternehmen“) und übte Taijiquan.

Ich hatte nur eine vage Vorstellung, wie der Wettbewerb ablaufen würde. Würden die besten Chinesisch Lernenden Deutschlands teilnehmen oder eher Mittelmäßige eine Plattform suchen, um sich zu verbessern? In Heidelberg hatte ich dann einen Teilnehmer als Mitbewohner, der seit dem 13. Lebensjahr Chinesisch lernt, den Chinese Bridge Schülerwettbewerb gewonnen und beim Finale in China als sechster abgeschnitten hat. Die leichte Hoffnung, die ich zuvor hatte, war dahin. Nach gemeinsamen Abendessen mit lokalen Spezialitäten folgte deswegen ein Intensivtraining, bei dem ich aber immer noch in 75% der Fälle Sätze vergaß oder andere Fehler machte.

Am Tag des Wettbewerbs wurde die Vorbereitung fortgesetzt, während andere ihre Darbietungen bereits aufführten (meine Betreuerin war höchst motiviert mich bestens vorzubereiten, wegen ihres Albtraums in der Nacht zuvor, dass wir nicht gut abschneiden würden und ihr Vorgesetzter mit ihr nicht zufrieden sein würde). Mut machte mir dagegen, dass keiner der Teilnehmer, deren Aufführungen ich gesehen habe, vollkommen perfekt war. Es gab immer minimale Mängel. Als künstlerische Darbietung wurde meist Gesang und Tanz gewählt, einen tieferen Eindruck haben Jonglieren und Stepptanz hinterlassen. Mein persönlicher Favorit war eine Studentin, die chinesische Malerei vorführte und deren Charakteristika erklärte.

Mein eigener Auftritt verlief schließlich so gut, wie ich es nur hätte machen können. Der Text saß sicher, ich erntete Lachen und Applaus aus dem Publikum für meinen Text und Körpersprache – sogar an Stellen, von denen ich überhaupt nicht wusste, dass sie lustig sind – und erhielt anschließend Lob von einigen anderen Teilnehmern. Ich hatte Spaß. Dass mein Chinesisch dann doch nicht für einen dritten Platz ausgereicht hat war etwas ernüchternd. Auf der Rückfahrt nach Erlangen spürte ich die Erschöpfung aus zwei Monaten Vorbereitung in den Knochen, die „5 Liter Adrenalin“, wie es eine Siegerin passend ausdrückte, verflossen.

Aus meiner Sicht hat sich die Teilnahme trotzdem gelohnt, wegen der Erfahrung, Sinologiestudenten aus anderen Universitäten zu begegnen, und insbesondere aufgrund der intensiven Vorbereitung. Das Lernen der Fragen baut Allgemeinwissen zu China aus und die hundertfache Rezitation der Rede – eine chinesische Lernmethode die sich historisch bewährt hat – prägt Satzfloskeln, Vokabular und Aussprache ein, die nicht mehr aus meinem Kopf zu entfernen sind. Der Austausch mit den Sprachlehrern kommt mindestens einem Semester Sprachkurs gleich. Und selbst wenn ich einen Preis gewonnen hätte, hätte ich diesen August oder September eigentlich keine Zeit, um nach China zu reisen und nicht den Wunsch, mein Studium durch ein Chinajahr weiter zu verlängern.

Für zukünftige Kandidaten möchte ich betonen, dass „das sprachliche Ausdrucksvermögen im Vordergrund steht.“ Wenn man, wie ich, nicht singen kann, sollte man vielleicht nicht Taijiquan als Darbietung wählen, weil es dabei keinen sprachlichen Ausdruck gibt, sondern eher einen chinesischen Sketch 相声 aufführen. Ebenso spielt der Inhalt der Rede – im Gegensatz zur Sprache – keine Rolle. Ich möchte Studentinnen und Studenten ermutigen an dem Wettbewerb teilzunehmen, wenn ein Dozent sie darauf anspricht, oder auch selbst auf einen Dozenten zuzugehen, wenn Interesse besteht. In der Theatergruppe lässt sich dafür großes Talent erkennen.

Herzlicher Dank gilt dem Konfuzius-Institut Heidelberg für Organisation und Verköstigung, Herrn Prof. Chen Hangzhu für ermutigende Worte, ganz besonders Frau Dr. Li Xiaoqin für großen Einsatz von Zeit und Mühe bei intensiver Vorbereitung, Frau Yang Cui für professionelles Taijiquan-Training und Frau Wang Anqi für Betreuung beim Wettbewerb und kreative Verbesserungsvorschläge.

von Leonie Sterzel

Seit ich Sinologie studiere, wurde ich immer mal wieder gefragt, ob ich nicht beim Chinese Bridge Wettbewerb mitmachen möchten. Auch wenn mir immer versichert wurde, dass das alles gar nicht so schlimm sei, habe ich mich trotzdem nie getraut bzw. bereit gefühlt daran teilzunehmen. Dann ging ich für ein Jahr nach China und wurde etwas selbstbewusster darin, Chinesisch zu sprechen. Zurück in Deutschland wurde ich wieder gefragt, und dann dachte ich mir: „Warum eigentlich nicht?“

Nachdem meine Teilnahme eine beschlossene Sache war, ging es auch schon Ende Dezember 2015 mit der Vorbereitung los. Der Fokus wurde zunächst auf die Rede gelegt, denn die ist der wichtigste Teil des Auftritts. Das Thema des diesjährigen Wettbewerbs war: 《我的中国梦 》Wo de Zhongguomeng (Mein chinesischer Traum). Frau Cui Yang, Sprachlehrerin bei uns am Institut, war mir bei der Vorbereitung eine große Hilfe und wir überlegten uns zusammen den Inhalt meiner Rede. Nach zwei Monaten war diese einigermaßen gefestigt, nur an den Tönen des Chinesischen und Betonungen musste noch gefeilt werden. Währenddessen begann ich die Fragen und dazugehörigen Antworten zu lernen, denn diese sind der zweite Teil des Auftritts. Die Fragen sind in drei Themengebiete aufgeteilt, nämlich zur Grammatik und Sprache, zur Kultur und zur Geschichte des Landes. Insgesamt sind es an die 200 Fragen. Ungefähr zwei Wochen vor dem Wettbewerb bekam ich auch die endgültigen Fragen zugeschickt, denn vorher hatte ich mit denen aus dem vorherigen Jahr gelernt. Aber im Großen und Ganzen stimmten sie überein.

Der dritte Teil des Auftritts ist eine eigene Darbietung, und diese war zunächst eine Herausforderung für mich. Da ich weder tanzen, noch Taiji oder malen kann, blieb für mich nur die Musik übrig und so entschloss ich mich dazu, Saxophon und Flöte zu spielen und zu singen. Zusammen mit Frau Cui suchte ich ein traditionelles chinesisches Lied aus und dafür fand ich den Mix aus einem westlichen und einem chinesischen Instrument sehr passend. Das Lied hatte insgesamt vier Strophen, und so wollte ich die erste Strophe mit Hintergrundmusik singen, die zweite auf der Flöte spielen, die dritte auf dem Saxophon spielen und die vierte ebenfalls auf dem Saxophon spielen, aber alle zum Mitsingen auffordern.

Nach ungefähr fünf Monaten Vorbereitungszeit war der große Tag gekommen, und wir fuhren nach Heidelberg. Am Abend davor wurde die Reihenfolge der Auftritte ausgelost und es gab ein gemeinsames Abendessen mit allen Teilnehmenden, Mitarbeitenden des Konfuzius Instituts aus ganz Deutschland und Angehörigen. Am nächsten Tag konnten wir uns ab 8 Uhr morgens in der Musik- und Singschule in Heidelberg auf unseren Auftritt vorbereiten, wo auch der Wettbewerb stattfand. Während zu Beginn Reden gehalten wurden und die ersten Teilnehmer bereits ihre Auftritte absolvierten, ging ich noch so oft es ging meine Rede und mein Lied durch. Dann musste ich auch schon auf die Bühne, denn ich war als vierte an der Reihe. Ich war sehr aufgeregt und hatte mir im Vorfeld allerlei Horrorszenarien im Kopf ausgemalt, die eintreten könnten. Sind sie dann aber nicht, denn als ich oben auf der Bühne vor der Jury und den Zuschauern stand, fiel alle Anspannung ab, und ich konnte meine volle Energie in den Auftritt legen. Ich hatte keinen Texthänger, konnte alle Fragen (es werden drei gestellt) beantworten und bei der vierten Strophe sang sogar ein Teil des Publikums mit. Mein Plan war aufgegangen. Am Ende hatte es nur für eine Teilnehmerurkunde und ein Buch über die chinesische Mauer gereicht, aber alles in allem war ich mit dem Auftritt zufrieden und bin froh, dass ich diese Erfahrung machen konnte.

von Max Kruse

HEIDELBERG – Am Samstag, den 21. Mai, trat die erst vor wenigen Monaten gegründete Theatergruppe der Erlanger Sinologie im Rahmen des Programms des diesjährigen Chinese Bridge-Wettbewerbs in Heidelberg auf. Für die durch alle Semester bunt durchgewürfelte Gruppe war es erst der dritte Auftritt: Der erste hatte im eigenen Haus an der Weihnachtsfeier der Sinologie stattgefunden, der zweite am Frühlingsfest der chinesischen Studentenvereinigung in Erlangen. Für zwei der Studierenden war es sogar der erste Auftritt, denn aufgrund anderer Verpflichtungen ehemaliger Darsteller mussten Rollen kurzfristig neu besetzt werden. Ungeachtet dieser Schwierigkeiten legte die mutige Truppe eine veritable Leistung vor und konnte mit ihrer Adaption von „Butterfly Lovers“, dem chinesischen „Romeo und Julia“, das Publikum gewinnen.

Die aufgeführte Version von „Butterfly Lovers“ ist ein stark adaptiertes Stück der Originalfassung aus der Jin-Dynastie, dessen roter Faden der Widerstreit von Liebe und Hass, Rache und Hoffnung auf eine glückliche Gemeinschaft ist. Das Stück erzählt von der verbotenen Liebe eines jungen Paares (Liang Shanbo und Zhu Yingtai), die erst nach dem gemeinsamen Tod in Form einer Wiedergeburt als Schmetterlinge erfüllt werden kann. Auf der Bühne wurde versucht, die Handlung in ein Wechselbad aus eigentlicher Brutalität der Situation und äußerlichem Witz zu tauchen, um der Darstellung ein menschliches Gepräge zu verleihen. So lassen die Eltern Zhu Yingtais in ihrer Gier nach Reichtum alle Moral fahren, und ziehen den reichen Schnösel und Playboy Ma Wencai dem natürlichen, naiven und ehrlichen – aber viel ärmeren – Liang Shanbo als zukünftigen Gatten für ihre Tochter vor. In einer Mischung aus echtem Gefühl und ironischer Entzauberung versuchten die Darsteller zwar Tiefe, aber keine übermäßige Schwere zu vermitteln.

Die Studierenden haben sich mit einigem Eifer und Enthusiasmus unter der Anleitung von einer Dozentin aus dem Konfuzius-Institut in ihre Rollen eingearbeitet, um eine überzeugende Darstellung und außerdem sprachliche Sicherheit zu gewähren. Gefördert und ausgerüstet wird die Theatergruppe vom Lehrstuhl für Sinologie und dem Konfuzius-Institut. Die Gruppe wurde im Oktober 2015 auf Anregung der Direktorin des Konfuzius-Instituts Dr. Yan Xu-Lackner gegründet und begann sich seither schnell zu entwickeln.

 

von Leonie Sterzel, Studentin der Sinologie

Die Anfangszeit

Seit Beginn meines Studiums in Sinologie war für mich klar, dass ich für ein Jahr nach China gehen werde. Nur wohin war lange eine Frage. Bei der Bewerbung für ein Stipendium können mehrere Wunschstädte angegeben werden. Ich entschied mich für Xiamen als erste Wahl und hatte Glück. Mitte Juli im letzten Jahr kam endlich die Zusage vom Stipendium des Konfuzius Instituts für die Universität Xiamen. Anfang September ging es dann auch schon los, denn der 13. September war der offizielle Einschreibetermin. Diese Termine sind jedoch von Universität zu Universität unterschiedlich. In den darauffolgenden Tagen gab es Einstufungstests (schriftlich und mündlich), damit wir in die passenden Kurse eingeteilt werden konnten. Insgesamt gibt es sechs Abstufungen und ich bin in der zweiten Stufe gelandet. Außerdem musste ich mich um die Bestätigung meines Gesundheitszeugnis kümmern, für das im Vorfeld bereits in Deutschland die Untersuchungen durchgeführt wurden. Das Zeugnis musste ich dann mit einigen anderen Unterlagen zur Beantragung der Aufenthaltsgenehmigung einreichen.

Der Campus

Zur Universität Xiamen gehören der Siming Campus und der Xiang’an Campus. Der Siming Campus ist der ältere von beiden, liegt zentral in der Stadt auf der Insel und hat direkten Zugang zum Meer. An diesem bin ich leider nicht gelandet, sondern am Xiang’an Campus. Denn dort befindet sich das Overseas Education College für alle ausländischen Sprachstudenten. Dieser Campus wurde vor ca. drei Jahren errichtet und befindet sich weit außerhalb der Stadt auf dem Festland. Insel und Festland sind durch einen ca. 6 km langen Tunnel verbunden. Um den Campus herum gibt es bis jetzt fast nichts außer ein paar kleinen Dörfern und vielen Feldern. Auf dem Campus befinden sich, abgesehen von den Unterrichtsgebäuden, der großen Bibliothek und den Wohnheimen, zwei Kantinen, zwei Friseure, eine Post, zwei Supermärkte, einige Handy-/Internetläden, ein Fahrradladen und viele kleine Cafés. Ich besitze ein Fahrrad und das ist auch sehr sinnvoll, denn die zurückgelegten Strecken sind aufgrund der Größe des Campus sehr lang.

Die Wohnheime wurden in zwei verschiedenen Gebieten auf dem Campus errichtet, der eine Teil ist hauptsächlich für die chinesischen Studenten, in dem anderen Teil leben vor allem die ausländischen Studenten. Ich finde, diese Aufteilung hat Vor- und Nachteile, denn das macht es noch schwieriger mit chinesischen Studenten in Kontakt zu kommen. Auf der anderen Seite hat man die Möglichkeit viele Menschen mit den verschiedensten Nationalitäten kennen zu lernen. Auf jedem Flur in den Wohnheimen gibt es zwei Wohnungen mit jeweils vier Zimmern. In jedem Zimmer gibt es zwei Betten, aber manche Studenten können trotzdem ein Zimmer alleine bewohnen. An jedes Zimmer grenzt ein kleiner Balkon mit Waschbecken an. In der Wohnung gibt es außerdem einen kleinen Gemeinschaftsbereich, in dem unbequeme Holzmöbel stehen und ein Badezimmer, das aus zwei Kabinen mit jeweils Klo und Duschkopf besteht. In ein paar Wohnheimen gibt es im Erdgeschoss kleine Räume mit Waschmaschinen, aber im Verhältnis zur Menge der Studenten sind es nur sehr wenige.

Der Sprachunterricht

Der Sprachunterricht ist unterteilt in Grammatik, Hörverstehen und Mündlich. Im Grammatikunterricht wird mit einem normalen Textbuch gearbeitet, so wie wir es in Deutschland auch benutzen. Da hatten wir im ersten Semester einen richtig guten und kompetenten Lehrer erwischt, dem man angemerkt hat, dass er schon oft mit Ausländern zusammengearbeitet hat. In Hörverstehen gibt es auch ein Buch und pro Stunde wurde immer eine Lektion erarbeitet, da diese nicht sehr lang waren. Es gab verschiedene Texte zum Anhören und dann musste entweder „Wahr oder Falsch“ angekreuzt oder Lücken ausgefüllt werden. Anfangs hatten wir in der Klasse viele Probleme mit unserer Lehrerin, da sie sehr schnell und undeutlich gesprochen hatte und wir so nur sehr schlecht mitgekommen waren. Aber etwa in der Mitte des Semesters gab es eine Evaluation und danach hatte es sich deutlich verbessert. Auch für Mündlich gibt es ein Buch, aber mit diesem hatten wir fast gar nicht gearbeitet. Innerhalb der Klasse wurden immer zwei Personen als Sprachpartner eingeteilt und dann wurden zusammen Dialoge vorbereitet, die vorgetragen werden mussten. Außerdem mussten wir unseren Lebenslauf erarbeiten und vorstellen und haben viele Spiele im Unterricht gespielt. Mit unserer Lehrerin in Mündlich hatten wir auch großes Glück, denn von anderen Kursen hatten wir gerade in diesem Fach viele negative Dinge mitbekommen. Zum Beispiel kamen die Studenten selbst nie zu Wort, da die Lehrer die ganze Stunde immer nur einen Monolog hielten. Die Prüfungen waren in zwei Teile aufgeteilt. Ende November hatten wir bereits Zwischenprüfungen und Mitte Januar fanden die Abschlussprüfungen statt.

Abgesehen vom Sprachunterricht gibt es auch die Möglichkeit an Wahlkursen teilzunehmen. Da gibt es chinesische Malerei, Kalligraphie, Kongfu sowie Les- und Schreibübungen von modernen chinesischen Texten. Auch gibt es das Angebot von der Universität einen Sprachpartner vermittelt zu bekommen. Das ist relativ einfach. Man muss nur in das zuständige Büro gehen und sagen, dass man gerne einen hätte und Kontaktdaten hinterlegen. Im Großen und Ganzen finde ich die Organisation an der Universität in Ordnung. Aber gerade am Anfang hätten sich viele mehr Klarheit und Unterstützung gewünscht. Manchmal wusste man nicht genau, was zu tun war oder was als nächstes kam. Das hat mich sehr verwirrt. Erst nach mehrmaligen Nachfragen wusste man besser Bescheid. Da hätten zum Beispiel schon mehr Zettel am Aushang gereicht, um genügend informiert zu sein. Ein paar Mitarbeiter an der Universität können Englisch. Das war gerade am Anfang sehr hilfreich, aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass die Verständigung immer besser funktionierte und ich immer mehr auf mein Chinesisch statt auf Englisch zurückgreifen konnte.

Außerhalb des Campus

Wenn man außerhalb des Campus etwas erleben möchte, muss man lange Fahrten mit dem Bus (oder Taxi) auf sich nehmen. Es gibt zum Beispiel einen Bus, der den Xiang’an Campus mit dem Siming Campus verbindet und man gelangt so direkt in die Stadt, allerdings ist er bis zu 1 ½ Stunden unterwegs – Wartezeiten und Verkehr noch nicht einberechnet. Zum Glück gibt es aber auch nähere Möglichkeiten, um zum Beispiel Einkaufen gehen zu können. Zum einen den Stadtteil Xindian, der ist mit dem Bus ca. 15 Minuten entfernt oder die Wanda Shoppingmall, die mit dem Bus und zweimal Umsteigen ca. 30 Minuten entfernt ist.

Xiamen hat nicht viele touristische Highlights, aber die, die es gibt, sind wirklich sehenswert. Dazu zählt zum einen der Siming Campus mit seinen vielen alten Gebäuden, der Nanputuo Tempel mit angrenzendem Botanischen Garten und zum anderen die kleine benachbarte Insel Gulangyu mit ihren kleinen Häusern voller europäischem Charme. Ich finde die Stadt ist sehr schön, weil ein interessanter Mix an chinesischen und westlichen Gebäuden besteht. In drei bis vier Jahren soll dann auch die Metro fertiggestellt sein, die das Leben hier im Vergleich zu jetzt mit Sicherheit um einiges angenehmer machen wird. Bis dahin wird sich das Fortbewegen noch ein bisschen beschwerlicher gestalten, aber trotzdem freue ich mich hier zu sein und so tolle und wertvolle Erfahrungen machen zu dürfen. Voller Vorfreude und Neugier erwarte ich das zweite Semester.

von Renée Gringmuth (4. Mastersemester) 

Yeliu ist ein kleiner Ort nordöstlich von Taipei, der vor allem wegen seines Geoparks von Touristen und Ausflüglern frequentiert wird. Jedoch ist der Park nicht das einzig Sehenswerte in diesem Hafenort. Direkt neben dem Parkeingang ist das Aquarium Yeliu Ocean World (http://www.oceanworld.com.tw/), eines der ersten großen Aquarien Taiwans. Es wurde 1985 erbaut und wird demnächst saniert. Es beherbergt eine große Vielfalt verschiedener Meeresbewohner, inklusive eines Delfinariums.

Ich befinde mich derzeit in Taipei an der Academia Sinica, um für meine Masterarbeit zu recherchieren, und in diesem Zusammenhang hatte Herr Professor Matten mir noch in Deutschland einen Artikel gezeigt, in dem über die Akupunkturbehandlung von Walen und Delfinen in der Yeliu Ocean World gesprochen wurde. Kurzum habe ich meinen Notizblock und meine Kamera gepackt, um einfach dorthin zu fahren und mich zu erkundigen, ob es möglich wäre, erklärt zu bekommen – oder auch gezeigt – wie eine Delfinakupunkturbehandlung aussieht. Ich hatte zuvor weder angerufen, noch eine E-Mail geschrieben, da ich mir nicht ganz sicher war, an wen ich mich wenden sollte. Das Problem löste sich jedoch schnell, denn als ich mein Anliegen vortrug, stellte man mich dem Cheftierarzt des Aquariums vor, Herrn Dr. Richard Chen.
Dr. Chen, ein studierter Tierarzt der konventionellen Tiermedizin, begann vor 20 Jahren damit in die gängigen westlichen Behandlungsmethoden traditionelle chinesische Medizin (TCM) mit einzuführen, da es bei Meeresbewohnern zum Beispiel manchmal besser funktioniert, eine Wunde mit Yunnan baiyao 云南白药 – eine in ein Tuch gewirkte Medizin – zu behandeln, als Antibiotika zu verabreichen. Die Resultate sind bei dieser Art der Arzneigabe binnen weniger Tage so gut, dass die Wunde sich dann bereits zu schließen beginnt.
Dr. Chen nahm sich bei unserem ersten Treffen ganze 2 Stunden Zeit, um mir alle meine Fragen zu beantworten und von der Entwicklung der TCM bei Meeressäugern zu erzählen. Er selber gehört mit zu den Pionieren, denn vor 20 Jahren gab es noch keinerlei nennenswerte Fachliteratur zur Delfinbehandlung, von Schildkröten und Seelöwen ganz zu schweigen. So wandelte er Rezepte und Behandlungen aus der humanen TCM ab, um sie an seine Patienten anzupassen.
Die Arzneien stellt das Aquarium selbst her, es verfügt dazu über eigene Gerätschaften. Vor allem zu Beginn der Wiedereinführung von TCM in die Veterinärmedizin wurden Zutaten oder Mischungen oft von China mitgebracht, was zu Folge hatte, dass die Menge, die einzelne Ärzte mitnehmen konnten, recht gering war. Nun kann Dr. Chen seine Arzneien selbst herstellen und muss nicht extra aufs Festland reisen. Diese Pulver und Kapseln funktionieren sogar so gut, sagt Dr. Chen, dass er heute hauptsächlich mit TCM behandelt. Das gilt für die Tiere des Aquariums und auch für die wilden Delfine, Schildkröten und Wale, die zur Behandlung eingeliefert werden.
Zwei weitere Behandlungsarten sind Akupunktur und Moxibustion.

Ich konnte es mir kaum vorstellen, dass Meeressäuger sich einfach eine Akupunkturnadel unter die Haut setzen lassen, aber Dr. Chen überzeugte mich bei unserem ersten Treffen mit vielen Fotos, die er auf Kongressen zu eben diesem Thema schon viele Mal überall auf der Welt gezeigt hatte.
Der große Seelöwe des Aquariums ist schon recht alt und der unterste Teil seiner Wirbelsäule – der Teil, auf dem die Showtiere immer stehen – zittert offenbar oft vor Anstrengung. Um dieses Zittern zu behandeln, verwendet Dr. Chen elektrische Akupunkturnadeln, die an die jeweiligen Punkte gesetzt werden und mit Strom versorgt werden. Das Zittern ist um fast 50 % gesunken, während der Vorführung habe ich nichts davon bemerkt.
Selbiger Seelöwe hatte auch Pocken, die erfolgreich mit Akupunktur und Kräutern behandelt wurden. Das Resultat war sogar für mich, die Akupunkturerfolge bei Pferden und Hunden miterlebt hat, verblüffend.
Aber nicht nur die in Gefangenschaft lebenden Tiere nehmen diese Behandlung gut an, sondern auch gestrandete Delfine und Wale. Sogar Schildkröten behandelt Dr. Chen mit Akupunkturnadeln.

(Bildquelle: http://www.vetlord.org/acupuncture-in-sea-turtles/)

Leider werden nicht alle gestrandeten Tiere behandelt und wieder in die Freiheit entlassen. Dr. Chen erzählt mir, dass viele Tiere, die gefunden werden, im Sterben liegen und die Akupunkturbehandlung nur noch zur Schmerzlinderung angewandt werden kann. Die Gründe für die Verendung vieler Meeressäuger sind zahlreich – Schmutz, Schiffsschrauben und Netze -, deshalb ist Dr. Chen nicht nur als Tierarzt beschäftigt, sondern reinigt mit anderen Mitarbeitern regelmäßig die Steinküste von Müll und Dreck, um Vögeln und Landtieren einen möglichen Tod zu ersparen.

Noch viel erstaunlicher als Akupunktur ist die Behandlung mit Moxibustion, einer Behandlungsmethode, die schwelende Kräuterstümpfe auf Ingwerscheiben nutzt, um durch die Hitze die Wirkstoffe der Arznei in die Haut auf die Akupunkturpunkte zu übertragen. Sie wird auch bei Delfinen angewandt.

 

Bei meinem zweiten Treffen, zu dem mich Dr. Chen einlädt, darf ich live miterleben, wie Elektroakupunktur und Moxibustion an zwei Delfinen des Aquariums angewandt werden. Tatsächlich ist es bei den Tieren, die in Gefangenschaft eine Beziehung mit ihren Trainern aufgebaut haben und sehr vertrauensvoll aus dem Wasser kommen, überhaupt kein Problem eine Akupunkturnadel zu setzen. Sie bleiben ruhig neben ihren Trainern liegen, nehmen die Fische, die sie als Belohnung erhalten, entgegen und lassen die Nadeln einfach setzen.

Danach werden bei der Elektroakupunktur Elektroden an die Nadeln geklemmt, die im Übrigen nicht sonderlich lang oder dick sind.
Der Delfin blieb während der gesamten Behandlung ruhig liegen, atmete ein paarmal stoßweise aus, entspannte sich jedoch schnell wieder. Er schloss sogar die Augen, obwohl eine fremde Westlerin direkt neben ihm kniete und Fotos schoss.
Die Tiere sind äußerst neugierig und erkennen sofort, wenn sich jemand Fremdes dem Becken nähert. So wurde ich von mehreren Delfinen beäugt, als ich durch die Beckenlandschaft ging.

Nach der Akupunkturbehandlung folgte eine Moxibustion an einem anderen Tier. Dabei wurden kurze Moxa-Stümpfe entzündet und auf Ingwerscheiben auf die entsprechenden Akupunkturpunkte gelegt.

Auch der hier behandelte Delfin blieb ruhig liegen und ließ sich die Behandlung gefallen.
Nach dieser äußerst spannenden Demonstration zeigte mit Dr. Chen noch, wie die Trainer sich regelmäßig mit den Tieren beschäftigen und eine Art Ganzkörpercheck durchführen. Dazu kommen die Tiere an den Beckenrand und lassen sich gründlich durchstreicheln und abtasten. Es scheint ihnen sehr zu gefallen, denn sie protestierten recht lautstark, als die Prozedur beendet wurde. Dr. Chen erklärt, dass es wichtig ist, eine Beziehung zu den Tieren aufzubauen, denn unter Zwang ist eine sinnvolle Behandlung mit TCM nicht möglich.
Mein Gespräch und die Demonstration mit Dr. Chen waren äußerst lehrreich und hilfreich. Er zeigte sich sehr an meinem eigenen Masterarbeitsthema interessiert und erzählte über sein eigenes Forschungsinteresse: Wale in den religiösen Praktiken und der Geschichte Taiwans und Chinas.

von Stephanie Axer, Renée Gringmuth, Maximilian Maydt und Carmen Schmidl

Vom 13. bis 15. Juli 2012 haben wir, vier Studenten der Sinologie im sechsten Fachsemester der FAU, zusammen mit rund 50 anderen Sinologiestudenten aus Deutschland und der Schweiz am Symposium SINOSYM zur Forschungs- und Arbeitswelt junger Sinologinnen und Sinologen teilgenommen.
Unsere Reisekosten wurden vom Lehrstuhl für Sinologie bezuschusst. Der Lehrstuhl hat hierfür einen kleinen Fonds eingerichtet, der Studierende, die wissenschaftliche Veranstaltungen wie Konferenzen und Symposien im europäischen Raum besuchen, unterstützt. Die Gelder entstammen den Studienbeitragsgebühren.

Das SINOSYM Freiburg ist ein Symposium, das von der Fachschaft der Sinologie der Albert-Ludwigs Universität Freiburg ins Leben gerufen wurde. Die Studenten organisierten es völlig eigenständig für andere Studenten an deutschsprachigen Sinologien – mit großem Erfolg, wie sich an den drei Symposiumstagen herausstellte. Die ursprüngliche Idee war es, einen Blick hinter die Kulissen des Arbeitsalltags von „fertigen“ Sinologen in den Bereichen Kultur/Politik, Medien, Wissenschaft und Wirtschaft zu werfen. Dafür gab es bereits vorweg die Möglichkeit bei der Bewerbung einen Workshop auszuwählen. Geladen als Workshopleiter waren ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, die jedoch alle nach ihrem Uniabschluss das Label „Sinologe“ trugen. Herr Dr. Marc Bermann von der Mercator-Stiftung leitete den Workshop Kultur/Politik, Frau Dr. Kristin Kupfer beschäftigte sich mit ihren Workshopteilnehmern mit dem Berufsprofil Journalismus, Herr Benjamin Kemmler von der Deutschen Bank ging auf die Zukunftschancen der Teilnehmer seines Wirtschaftsworkshops ein und Frau Prof. Dr. Katja Levy erläuterte den akademischen Werdegang eines Sinologen.

Freitag:

Eröffnet wurde das Symposium am Freitagabend mit einem öffentlichen Einführungsvortrag des deutschen Sinologen Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer mit dem Titel „Das westliche Chinabild und die Rolle der Sinologie“.

Charismatisch und verständlich stellte Prof. Dr. Schmidt-Glintzer die Divergenz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung Chinas dar: China ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und des anhaltenden Wachstums, das Land mit den größten Devisenreserven und Motor der Weltwirtschaft und zugleich das Land mit jährlich 180 000 offiziell registrierten Bürgerprotesten. Wie soll nun die Sinologie als akademische Chinawissenschaft mit diesen Bildern umgehen, und welche Bilder von China, welches Chinaverständnis stellt sie vor? Wie löst man den Widerspruch zwischen dem Chinabild der Chinawissenschaftler und dem Chinabild der Wirtschaft und dem der Menschenrechtsdebatte auf?

Am Ende des informativen Vortrags atmen alle Sinologiestudierenden in dem gefüllten Hörsaal auf, als Prof. Dr. Schmidt-Glintzer zu dem Fazit kommt: Ein Sinologe muss nicht zu jedem china-spezifischen Problem, jeder politischen Debatte in oder über China Stellung beziehen und eine kritische Meinung vertreten. Die Erwartungshaltung des Sinologen mit universeller Chinakompetenz ist nicht realistisch.

Samstag:

An diesen Auftakt schloss am Samstagmorgen der Workshopteil des Symposiums an. Wir wurden als Teilnehmer erst herzlich von den Organisatoren begrüßt, die sich bereits seit einem Jahr mit der Konzeption dieses Wochenendes befasst hatten und ebenfalls an den Gruppen teilnahmen. In den Workshops, die jeweils eine Dauer von zwei mal zwei Zeitstunden hatten, soll der Workshopleiter Einblicke in den jeweiligen Arbeitsalltag geben und verdeutlichen, welche Rolle die Sinologie darin spielt, sowie aufzeigen, auf welchem Weg junge Sinologen in dem jeweiligen Bereich Fuß fassen können. Die Workshopteilnehmer wurden hierbei interaktiv eingebunden, um ihre Kenntnisse im jeweiligen Bereich zu vertiefen. Aufgrund unserer unterschiedlichen Interessen deckten wir vier Studenten der FAU bereits drei Workshops ab. Für diese musste man sich im Vorhinein entscheiden.

Workshop Wissenschaft:

Renée Gringmuth hatte den Workshop Wissenschaft bei Frau Levy gewählt. Zuerst hielt Frau Levy einen Vortrag über ihren eigenen Werdegang und über einige Fakten zum Berufsprofil „Professor“. Sie sprach die lange Lehrzeit an und die Tatsache, dass es nicht immer so geradlinig auf diesen Beruf zugeht, wie man meinen könnte. Sie selber hat nach ihrem Studium einen Platz bei Siemens in Shanghai bekommen und dann dort erst Erfahrungen in der Wirtschaft gesammelt, bevor sie zur akademischen Tätigkeit als Sinologin kam. Nach dieser Einführung durften wir selber aktiv werden und sollten in Form unseres eigenen Profils aufschreiben, was für Leistungen wir eigentlich bis heute erbracht hatten. Da wurden nicht nur akademische Leistungen und Arbeitserfahrungen in die Profile aufgenommen, sondern auch ganz praktische Dinge, wie die Teilnahme am örtlichen Sportverein, die Fähigkeit das eigene Leben mit Kind und Uni zu organisieren oder die Organisation eines Auslandsaufenthaltes in China. Mit viel Spaß stellten wir alle unsere bisherigen Erfolge dar und bekamen von Frau Levy Tipps. Leider musste Frau Levy uns jedoch bald wieder verlassen und musste daher den Workshop abrupt beenden, sodass wir nicht noch über das Thema reden konnten, das einigen von uns noch auf den Zungen brannte: Wie schafft man es das private Leben und das Professoren- (oder auch nur akademische Mitarbeiter-) Dasein auszubalancieren?

Workshop Medien:

Carmen Schmidl und Stephanie Axer wählten den Workshop Medien bei Frau Kupfer. Hier ging es um „China-Geschichten“: Welche Interessen und Fähigkeiten braucht eine Journalistin oder ein Journalist, um aus und über China „mediale Geschichten“ zu schreiben? Wie verträgt sich die „Lebensgeschichte“ als Sinologe mit den Anforderungen an den Beruf des Journalisten? Welche Geschichten erlebt man im journalistischen Alltag in China? Die sehr kompetente Workshopleiterin Kristin Kupfer berichtete von ihrem eigenen Werdegang und Berufsalltag. Sie vermittelte und erarbeitete mit den Workshopteilnehmern auch praktische Aspekte der China-Berichterstattung. So imitierte sie z.B. eine Redaktionsatmosphäre, in der wir in kleinen Gruppen unter Zeitdruck einen geeigneten Artikel vorschlagen und die Recherche planen mussten – mit Frau Kupfer selbst als kritischer Redakteurin. Unser dadurch gewonnener Eindruck von der Journalisten-Tätigkeit ist der eines schnellen, unvorhersehbaren, aber auch sehr spannenden und erfüllenden Jobs, der ein großes Maß an Flexibilität im Arbeits- und privaten Bereich erfordert. Frau Kupfers Erfahrungen als freie Journalistin in Beijing von 2007 bis 2011 kann sie nach ihrer Rückkehr in die Wissenschaft auch vergleichend einordnen. So war es ihr möglich einige Anregungen für die Berufswahl von Sinologinnen und Sinologen zu geben und verstand es sowohl positive als auch negative Seiten der China-Berichterstattung objektiv darzustellen. Das Berufsbild der Auslandskorrespondentin und Journalistin in China vermittelte Frau Kupfer sehr lebensnah und informativ; wir haben nun das nötige Wissen zur Hand, um unsere Vorstellungen von dieser Tätigkeit mit der Realität vergleichen zu können und weitere Überlegungen anzustellen hinsichtlich unserer persönlichen Eignung und der praktischen Umsetzbarkeit.

China – einfach nur atemberaubend

von Maximilian Maydt (Sinologiestudent der FAU)

Seit Anfang September 2010 befinde ich mich im Zuge meines einjährigen Auslandsaufenthaltes in Peking an der Beijing Foreign Studies University (kurz Beiwai 北外 genannt). Allein Peking ist bereits sehr beeindruckend und es verschlägt einem immer wieder die Sprache, wenn man den Campus verlässt und ein wenig hinausgeht, doch egal an welchem Ort man sich in China befindet, das Land ist in aller Regel einfach nur atemberaubend. Zu Beginn meines Chinaaufenthaltes bin ich von Deutschland aus zuerst nach Shanghai geflogen, um die Weltausstellung zu besuchen.

Die Besuchermassen, die dort herumliefen, lassen sich kaum in Worte fassen. Täglich strömten mehrere hunderttausend Menschen auf das Expogelände, die meisten von ihnen, um einen Eindruck von möglichst vielen Ländern zu bekommen, in die sie wohl niemals werden reisen können. In China haben zwar immer mehr Menschen das Geld, sich ein Auto zu kaufen, aber bei weitem nicht so viele können sich eine Reise nach Europa leisten. Da mich mein Gesicht sofort als Westler verrät und ich zudem durch meine Körpergröße in China relativ stark auffalle, war ich auf der Expo ein beliebtes Fotomotiv, vor allem für chinesische Besucher, die noch nicht so viele Ausländer gesehen haben, also nicht aus Shanghai, Peking oder Guangzhou kamen. In einer Warteschlange fragte mich eine Familie aus der Inneren Mongolei, ob man in Deutschland auch reite. Es war gar nicht so leicht zu erklären, dass dies in Deutschland eher eine Freizeitbeschäftigung ist und nicht der regelmäßigen Fortbewegung dient.

Die größte Hürde in Shanghai war wohl, ein Zugticket zu kaufen. Die Dame am Schalter sprach leider nur recht undeutliches Chinesisch mit südlichem Akzent. Nach zähen Verhandlungen hatte ich schließlich eine Fahrkarte für den gewünschten Tag, um nach Peking zu kommen. Während der Zugfahrt lernte ich einen älteren Herren kennen, mit dem ich mich ein wenig unterhielt. Nach der Ankunft am Pekinger Südbahnhof empfahl er mir, kein Taxi zur Beiwai zu nehmen, sondern besser mit der U-Bahn zu fahren. Ich kannte mich in Peking zwar überhaupt nicht aus, aber befolgte seinen Rat. Er suchte mir sogar noch die richtige Station heraus. Dort angekommen, machte ich mich auf die Suche nach der Beiwai. Kurz darauf traf ich eine Frau, die so freundlich war, mich bis zum Tor der Universität zu bringen. Da es noch ein paar Tage bis zur Einschreibung waren, befanden sich nur wenige Studenten auf dem Campus. Ich begann zu fragen, wo sich das Wohnheim für Auslandsstudenten befindet, in dem ein Zimmer für mich reserviert sein musste. Glücklicherweise traf ich wieder jemanden, der mir half: Ein chinesischer Erstsemester der Germanistik, der ebenfalls erst gerade eingetroffen war, suchte mit mir das entsprechende Wohnheim. Ohne ihn hätte ich es an diesem Tag wohl nicht mehr geschafft. Es war bereits dunkel und meine Müdigkeit nach zehn Stunden Zugfahrt nahm allmählich überhand.

n den folgenden Monaten hatten wir nicht nur Chinesischunterricht, sondern es fanden auch immer wieder Ausflüge und Unternehmungen statt. Gleich zu Semesterbeginn besuchten wir die Große Mauer. Ende September charterte die Beiwai dann sechs Busse, um mit über 250 Auslandsstudenten nach Chengde 承德 zu fahren. Sei es auf Reisen oder in Peking, eine gute Möglichkeit China und seine Kultur kennenzulernen ist sicherlich das Essen. Kommt eine Gruppe zusammen, um gemeinsam zu essen, wird in der Regel eine Vielzahl an Gerichten aufgetischt, von denen sich dann jeder etwas nehmen kann. Das chinesische Essen, das man in Deutschland bekommt, hat nicht viel gemein mit dem Essen in China. Offiziell gibt es acht verschiedene chinesische Küchen. Hinzu kommen weitere regionale Spezialitäten und Küchen (z.B. Essen aus Xinjiang). Meiner Meinung nach ist nicht nur das Essen in chinesischen Restaurants lecker, sondern auch in den Mensen der Beiwai. Die Hauptmensa der Universität hat vier Stockwerke und in jedem gibt es etwas anderes. In einem werden z.B. frische Nudeln gemacht, in einem kann man sich Spieße braten lassen, in einem anderen bestellen die Studenten aus ein paar Dutzend Gerichten das Gewünschte, worauf es dann direkt im Wok zubereitet wird.

Besonders viel über das Land lässt sich erfahren, wenn man auf Reisen ist und mit den Leuten spricht. In Peking habe ich festgestellt, dass die meisten Angestellten in Einkaufszentren keine Pekinger sind. Sie kommen überwiegend aus den nördlichen Provinzen Chinas, um in der Hauptstadt zu arbeiten. Von vielen Seiten habe ich auch schon Klagen über die ständig steigenden Immobilienpreise gehört. Viele Gutverdienende kaufen sich nicht nur eine Wohnung, sondern gleich mehrere, wohnen selbst jedoch nur in einer. Es soll in vielen Städten Chinas Hochhäuser geben, die nachts komplett dunkel sind, weil alle Wohnungen leerstehen. Ein paar Jahre später verkaufen die Eigentümer dann die Wohnungen mit einer kräftigen Rendite an die wachsende Zahl der Wohnungssuchenden. Eine Lehrerin meinte kürzlich im Unterricht, dass diese Entwicklung wohl immer so weitergehen werde. Ich wandte ein, dass dies nicht möglich sei, sondern irgendwann eine Grenze erreicht sein müsse. Sie meinte daraufhin nur: Nein, das gehe immer so weiter.

Auch wenn die Lehrerin anderer Meinung ist, wird es wohl in absehbarer Zeit einen Punkt geben, an dem die tatsächlich Wohnungssuchenden die horrenden Preise nicht mehr bezahlen können und dann manche Eigentümer keine Abnehmer mehr finden werden. Laut der Lehrerin haben sich jedoch bereits Bezeichnungen für betroffene Personengruppen herausgebildet: Ein fangnu 房奴 (wörtl. „Wohnungssklave“) ist jemand, der fast sein gesamtes Gehalt zum Abbezahlen einer Wohnung aufwenden muss. Die yueguangzu 月光族 ist die Gruppe von Menschen, die zu jedem Monatsende ihr gesamtes Gehalt ausgegeben haben und aufs neue „blank“ (光) dastehen. Außerdem gibt es noch die kenlaozu 啃老族 (wörtl. „Gruppe, die an den Betagten knabbert“). Dazu gehören diejenigen, die von ihren Eltern Geld holen, weil das eigene Gehalt zum Leben nicht mehr ausreicht.

Hochinteressant ist auch die Verkehrssituation in Peking: Es gibt hunderte Buslinien, sechs Ringstraßen und einen massiven Ausbau der U-Bahn. Je nach Endziffer des Autokennzeichens darf man sein Fahrzeug an einem Werktag zwischen 8.00 und 20.00 Uhr nicht benutzen. Dadurch wird die Verkehrslast zu den Stoßzeiten bereits um ein Fünftel reduziert. Hinzu kommt, dass von Montag bis Freitag tagsüber sämtliche Autos, die nicht das Hauptstadtkennzeichen (京) haben, generell von den Straßen innerhalb des vierten Rings ausgeschlossen sind. Trotz aller dieser Maßnahmen steht allerdings jeden Morgen und Abend der Verkehr kurz vor dem Kollaps. Busse und U-Bahnen sind zu dieser Zeit ebenfalls überfüllt. Von einem Taxifahrer habe ich kürzlich erfahren, dass die Verkehrslast sogar noch weiter zunimmt. Jeden Monat werden etwa 20.000 zusätzliche Fahrzeugzulassungen für Peking erteilt. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Positives. Aufgrund der Olympischen Spiele wurden unzählige Bäume gepflanzt, Grünstreifen angelegt und Zweitaktmotoren aus der Stadt verbannt. Überall surren Elekroroller und Elektrofahrräder durch die Straßen. In diesem Bereich scheint Peking ziemlich fortschrittlich zu sein, auch wenn es keinen Kurier- und Paketservice mit richtigen Lieferwägen gibt, sondern Postsendungen in der Regel mit Elektrodreirädern ausgeliefert werden.

Aufgrund einiger Reisen durch das Land und den Aufenthalt in Peking kann ich sagen, dass es sich auf alle Fälle lohnt, nach China zu kommen und sich das Land selbst anzuschauen. Jede Region ist anders und hat ihre ganz eigenen Besonderheiten. Mir persönlich bleiben noch ein paar Monate, ehe es wieder zurück nach Deutschland geht. Bis dahin hoffe ich, noch möglichst viele Eindrücke und Erfahrungen in China sammeln zu können.