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Das Selbstverständnis der Erlanger Sinologie

Das Selbstverständnis der Erlanger Sinologie

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Erlanger Sinologie widmen sich der philologischen und hermeneutischen Untersuchung von Texten, Ideen und Traditionen aus Chinas Vergangenheit und Gegenwart. Im Zentrum steht die kritische und interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis chinesischer Autorinnen und Autoren aller Epochen einer über dreitausendjährigen Geschichte, die uns Aufschluss über deren ganz eigene Begriffe und Vorstellungen von Ästhetik, Wissenschaften, Kultur, Politik und Gesellschaft geben. Ihre Erschließung und Vermittlung an andere Disziplinen erfordern eine hohe historisch-philologisch geschulte Sensibilität in unseren Übertragungen. Diese ist geprägt von einem gemeinsamen Ausgangspunkt, der das Selbstverständnis des ganzen Faches prägt, nämlich die Auseinandersetzung mit dem chinesischen Kulturraum als ein Reden mit China—seinen Menschen und seinen sprachlichen und materiellen Zeugnissen—statt ein Reden nur über China von außen und womöglich ohne Berücksichtigung chinesischer Diskurse. Erklärtes Ziel ist es, in Forschung und Lehre ein differenziertes, pluralistisches Chinabild zu erarbeiten und dieses inner- und außerhalb der Universität zu vermitteln.

Das gemeinsame Nachdenken über Chinas Vergangenheit und Gegenwart mit Kolleginnen und Kollegen an Partnerinstitutionen in der chinesischsprachigen Welt und am Konfuzius-Institut Nürnberg-Erlangen e.V. verstehen wir (nicht nur) als einen wichtigen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit Phänomenen und Problemstellungen in den Bereichen Globalisierung, Modernisierung und Wissenschaftsverständnis sowie zur Untersuchung von unterschiedlichen Menschenbildern in Tradition und Gegenwart, Diversität, kulturelle Identität und Prozessen kultureller Hegemonien. Es ist darüber hinaus ein notwendiges Unterfangen, um 1. eurozentrische Sichtweisen zu hinterfragen, 2. einen kritischen Theorieapparat zu entwickeln, der lokalen und regionalen Partikularitäten im chinesischen Kulturraum Rechnung trägt, und um 3. die Auseinandersetzung mit der nicht-indoeuropäischen Sprache Chinesisch sowie dem nur geographisch fernliegenden Kulturraum in Universität und Gesellschaft präsenter zu machen.

In der Forschung liegt der Fokus auf kulturellem Übersetzen, Philologie, Wissenschaftsgeschichte, Prognoseforschung in komparatistischer Perspektive (IKGF), Geschichte des globalen Kultur- und Ideentransfers, Weltanschauungen und Lebenswelten, Sozial- und Institutionengeschichte sowie der Geschichtsschreibung.

Unser Lehrangebot richtet sich an Studierende, die Kenntnisse über das vormoderne und moderne China sowie eine intensive Sprachausbildung absolvieren möchten. Die Erlanger Sinologie bietet eine Reihe von historisch, kultur- und sprachwissenschaftlich ausgerichteten BA- und MA-Programmen sowie den Lehramtsstudiengang Chinesisch an. Außerdem können Studierende den chinesischen Sprachtest HSK ablegen, der zum Studium an chinesischen Hochschulen befähigt. In den oben genannten Forschungsschwerpunkten bietet die Erlanger Sinologie darüber hinaus die Möglichkeit zur Promotion.

Forschung und Lehre orientieren sich an vier grundlegenden Prämissen:

  1. Das vormoderne und das moderne China sind geistes-, kultur- und strukturgeschichtlich nicht axiomatisch voneinander zu trennen. Kenntnisse des klassischen und modernen Chinesisch sind daher auch fester Bestandteil des BA-, MA- und Lehramtsstudiums.
  2. Angesichts der Asymmetrie des Nichtwissens (in China ist dank Übersetzungen die europäische und amerikanische Kultur weitaus präsenter als umgekehrt) verfolgt das Fach eine dichte internationale Vernetzung in Forschung und Lehre und rückt die Bedeutung des Lesens und Übersetzens von chinesischen Texten in den Vordergrund.
  3. Der chinesische Kulturraum soll und kann nicht isoliert betrachtet, sondern muss immer als Teil einer gemeinsamen Welt verstanden werden. Die Erlanger Sinologie befasst sich daher mit den engen und multidirektionalen Vernetzungen in den europäisch-chinesischen Beziehungen, die bis in die Gegenwart wirkmächtig sind.
  4. Wir vertreten die Auffassung, dass die Analyse nicht-westlicher Gesellschaften auch zur Theoriebildung der westlichen „systematischen Fächer“ beitragen kann, auch weil die Welt in Vergangenheit und Gegenwart ohne China nicht verstanden oder überhaupt gedacht werden kann.

Das Fach ist von der festen Überzeugung geleitet, trotz komplexer Herausforderungen den Dialog zwischen beiden Ländern nicht abbrechen zu lassen, sondern ihn fruchtbar zu machen und ein sachlicheres Bild Chinas in Deutschland und Europa zu ermöglichen.

Erlangen, 21.7.2020 埃爾蘭根,庚子年癸未月乙丑日